Sprachgefühl
Wir wissen alle, was Gefühle sind. Freude, Trauer, Wut, Begeisterung. Aber was ist gemeint mit dem Wort „Sprachgefühl“? Ein Gefühl dafür haben, was in einer Sprache richtig oder falsch ist? Ja. Aber braucht man dazu überhaupt „Gefühl“, oder kann man das lernen wie Mathematik oder Geografie?
Richtiges, grammatikalisch einwandfreies Deutsch zu schreiben, lernt man schon in der Schule. Doch korrekt zu schreiben ist noch kein guter Stil.
„Will ein Unternehmen etwas erreichen, muss das, was erreicht werden soll, also die Unternehmensziele, denjenigen, die an ihrer Erreichung arbeiten, bekannt sein.“
Dieser Satz eines Personalvorstandes ist von der Grammatik her korrekt: Was der Schreiber ausdrücken wollte, ist sehr umständlich formuliert, mit zu vielen Worten und nicht ökonomisch. Das hätte man kürzer und zeitsparender schreiben können: „Die Mitarbeiter müssen die Unternehmensziele kennen.“
Es muss um mehr gehen als um korrektes Deutsch, wenn wir von Sprachgefühl reden. Das hat etwas mit Intuition zu tun, mit einem Gespür für das richtige Wort und den Satzbau, wie man etwas verständlich, präzise, knapp und anschaulich ausdrückt. Wir können unser Sprachgefühl entwickeln, schärfen und verfeinern.
Genaue Wortwahl
Man denkt nicht immer nach, um das richtige Wort zu finden. Politiker, Unternehmer und Führungskräfte sagen:
„Ich gehe davon aus, dass das Wirtschaftswachstum anhalten wird.“
Was heißt das? Ich halte es für wahrscheinlich, ich bin überzeugt, ich glaube, ich vermute, ich hoffe, ich habe den Endruck gewonnen?
Weitere Beispiele:
1) Unsere Reklamationsrate ist immer noch zu hoch. Wir wollen deshalb in diesem Jahr alles tun, um die Reklamationen abzusenken.
Absenken ist eine Doppelung, senken reicht.
2) Wie beurteilen Sie diesen Satz? Ist er sprachlich korrekt oder hätten Sie eine andere Formulierung gewählt?
„Die ihm gesetzten Ziele wurden von Herrn Münster konsequent umgesetzt.“
Ziele kann man erfüllen oder erreichen, Projekte oder Konzepte setzt man um. Das Adjektiv „gesetzte“ (Ziele) ist überflüssig, welche Ziele sonst? Er hat seine Ziele erreicht.
3) Schwer oder schwierig?
Gibt es überhaupt einen Unterscheidung beim Gebrauch dieser Wörter? Eine schwierige Frage ist auch schwere Frage. In diesem Fall gibt es keinen Unterschied. Aber ein schwieriger Mensch muss kein schwerer Mensch sein. Du nimmst das Leben viel zu schwierig, sagt seine Ehefrau. Das ist falsch, sagt der Ehemann, und zwar in zweierlei Hinsicht. Es muss heißen, dass ich das Leben zu schwer nehme und nicht zu schwierig, und was die Sache angeht: Ich nehme das Leben leichter als du denkst.
4) dasselbe / das Gleiche
Beide Rezensenten haben dasselbe Buch gelesen, ihre Kritik ist aber so ausgefallen, als hätten sie verschiedene Bücher gelesen. Frage: Haben die beiden dasselbe oder das gleiche Buch gelesen?
Wenn sie beide dasselbe gelesen haben – was eher unwahrscheinlich ist -, dann hätten sie ein und dasselbe Buch, also ein einziges Buch gelesen. Jeder hat aber sein eigenes Exemplar gelesen. Deshalb haben sie das gleiche Buch gelesen.
5) auf / offen
Sie hat das Fenster geöffnet, es ist jetzt auf. Nein, es ist nicht „auf“, es ist jetzt „offen“.
6) als / wie
Das Wetter ist genauso schlecht wie gestern. („wie“ ist die Gleichheit, Das nennt man Positiv. Heute ist das Wetter besser als gestern (Komperativ = Steigerungsform).
7) Genitiv, Dativ oder Akkusativ?
Edmund Stoiber sagte am 18. Januar 2006 vor der Presse:
„Ich werde mein Amt als bayrischer Ministerpräsident zum 30.September 2007 diesen Jahres aufgeben.“
Das ist falsch. Warum? Doch kein Rücktritt? Doch. Es muss heißen: „dieses Jahres, Genitiv.
8) Aus einer [wiki:Stellenanzeige] eines IT-Unternehmens:
„Sie haben ein mathematisches, technisches oder naturwissenschaftliches Studium, (gerne auch mit Promotion) mit sehr gutem Erfolg abgeschlossen.“
Bei den vier Worten „gerne auch mit Promotion“ spürt man, dass etwas nicht stimmt. Wie sagte der Junge zu seiner Mutter, als sie ihm ein Schokoladeneis bestellte: Ich möchte es gerne mit Sahne!
Das Adverb „gerne“ (oder auch die Kurzform „gern“) hat die Vergleichsformen „lieber, am Liebsten. Bleibt die Frage: Was ist dem Unternehmen noch lieber als die Promotion oder am Liebsten? Zwei Doktortitel oder gleich ein Professor?
9) Anschreiben
„Anschreiben“ ist ein sehr geläufiges Wort. Bewerber sagen es, in Bewerbungsratgebern gibt es Muster-Anschreiben und wenn ein graphologisches Gutachten der Entscheidungsfindung dienen soll, ist die Rede vom „handgeschriebenen Anschreiben“.
Wie klingt das Wort „Anschreiben“ in Ihren Ohren? Man kann aufschreiben, unterschreiben, überschreiben oder in der Schule von anderen abschreiben, aber jemand anschreiben, das klingt nach Bürokratendeutsch. Das Wahrig Wörterbuch von 1968 spricht von Amtssprache, das ZEIT-Lexikon von 2005 bezeichnet das Anschreiben als „amtliches, kurzes Begleitschreiben. Nach dem deutschen Universal-Lexikon gehört das Wort „Anschreiben“ zur Bürosprache. Ich wusste nicht, dass es im Büro eine eigenständige Sprache gibt.
Obwohl man es selten liest, gibt es ein treffendes Wort: Bewerbungsschreiben.
Knappheit des Ausdrucks
Eine knappe Ausdrucksweise steht im Gegensatz zu der Weitschweifigkeit. Knappheit bedeutet: Zeit sparen. Wir unterscheiden die sprachliche und sachliche Knappheit. Die sprachliche verkürzt den Ausdruck, die sachliche das, was ausgedrückt wird. Kurze Wörter und kurze Sätze erhöhen den Lesefluss.
Bandwurmsätze machen einen Text holprig und schwer lesbar. Sätze mit vielen Verben dagegen machen den Ausdruck lebendiger und anschaulicher. Das gilt jedenfalls für Texte in Beruf und Alltag. In der Literatur (Thomas Mann, Thomas Bernhard) ist das etwas anderes.
Überflüssiges weglassen
Die Kunst besteht darin, das Richtige wegzulassen und im Mut zur Lücke. Was ist überflüssig, und was kann man weglassen, weil man es sich denken kann, weil es zwischen den Zeilen steht, weil der Leser es schon weiß, das Selbstverständliche.
Beispiele:
(1) Aus dem Geschäftsbericht eines Berliner IT-Unternehmens (Brief an die Aktionäre):
Noch bessere Ergebnisse können sich in Zukunft
auch positiv auf den Aktienkurs auswirken. Hier
ist sich der Vorstand seiner Verantwortung bewusst.
Deshalb hat kontinuierliche Ergebnissteigerung jetzt
absolute Priorität für uns.
Versetzen Sie sich an die Stelle des Aktionärs und urteilen Sie selbst: Muss der Vorstand erklären, wofür er bezahlt wird?
(2) Oder dieser Text:
Denn ohne den Rückgriff auf die Ressource Mensch ist heute kaum mehr ein Unternehmen in der Lage, erfolgreich auf dem Markt zu operieren.
Erfährt der Leser etwas, was er nicht schon wusste?
(3) Aus dem Geschäftsbericht einer großen Krankenkasse:
„Engagierte und kompetente Führungskräfte haben einen entscheidenden Einfluss auf die Motivation ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gerade in einem dynamischen Wettbewerbsumfeld sind sie wichtige Multiplikatoren von Lern- und Veränderungsprozessen und damit bedeutsam für den Erfolg eines Unternehmens. Die Kasse legt großen Wert darauf, die Führungskräfte in ihrer Arbeit zu unterstützen und ihre Weiterbildung zu fördern. Gleichzeitig gilt es, den Führungsnachwuchs gezielt auf seine Aufgaben und die Verantwortung vorzubereiten.“
Erfahren die Leser etwas, was sie nicht schon wissen? Nein.
Trend
Unternehmen von heute pflegen einen netten, kundenfreundlichen Ton. Auch die Bahn, sogar auf der ICE-Toilette: „Bitte verlassen Sie diesen Raum so, wie sie ihn vorfinden möchten.“ Hat die Bahn jetzt ein Sprach- oder ein Personalproblem?
Wohin geht die Reise? Der Trend geht zur Sparsamkeit. Viele sind schon dabei, sich kürzer auszudrücken und folgen der englischen Grammatik. Sie sagen nicht: „Ich rufe Sie wieder an“, sondern knapper: Ich rufe Sie zurück (I call you back). Man spart ein Wort, der Anfang ist gemacht. Das lässt sich steigern. Sie sagen nicht: „Ich kann mich nicht daran erinnern“, sondern: „Ich erinnere das nicht“ (I can´t remember that). In diesem Fall werden zwei Wörter eingespart.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, die englischen Begriffe unmittelbar in den deutschen Redefluss zu übernehmen, wie es eine McKinsey-Beraterin im Interview mit einer Sonntagszeitung getan hat. In dem Interview ging es um Kinder und Karriere:
„Vernünftige Kinderbetreuung in Deutschland ist ein echter issue, jedenfalls dann, wenn sie einen unplanbaren Schedule haben.
Wie geht es weiter? Wir gucken uns das alles ergebnisoffen an.
Literatur:
- List, Karl-Heinz: Einfach gut formulieren – Kurz, klar und korrekt schreiben, für Chefs und Personaler, Nürnberg 2007
- List, Karl-Heinz: Verständlich schreiben lernen - Sprachtraining für Studenten, Absolventen und Berufsanfänger, München 2008 - http://www.grin.com/e-book/114150/verstaendlich-schreiben-lernen - ISBN 9783640165681
(E-Book)
- Sanders, Willy: Gutes Deutsch - besseres Deutsch, Darmstadt 1996, ISBN 3534132696
- Schneider, Wolf: Deutsch für Kenner - Die neue Stilkunde, München 2009, ISBN 9783492244619
