Spiegelneuronen

Spiegelneuronen (= Nervenzellen) ermöglichen es Menschen, sich in andere hineinzuversetzen. Wir überwinden die Barriere zwischen uns und unserem Gegenüber. Erst dadurch, dass wir die Gefühle anderer, wie Ekel, Schmerz, Freude, miterleben, können wir sie unmittelbar verstehen. Danach ist[wiki:Empathie] kein abstraktes kognitives Konstrukt, sondern fest in unserem Gehirn verankert. Die Fähigkeit zur Imitation, zur Spiegelung unserer Außenwelt, war vermutlich wesentlich für die Entwicklung der menschlichen Kultur.


Vittorio Gallese, Neurophysiologe an der Universität Parma, ist gerade dabei zu untersuchen, wie sich Empathie in dem Umfeld verändert, in dem Menschen sich begegnen. Außerdem beschäftigt er sich mit der Frage: Wie hängt Empathie von den Erbanlagen und der Geschichte der Personen ab?

Gedanken und Gefühle lesen


Gallese hat den Mechanismus herausgefunden, wie man mit dem Gehirn die Gedanken und Gefühle anderer lesen kann. Er gilt zusammen mit Giacomo Rizzolatti als Entdecker der Spiegelneurone (das Neuron = Nervenzelle), eine neue Gruppe Nervenzellen. Wenn das Tier (Affe) die Bewegung eines anderen beobachtet, spiegeln diese Neuronen das Verhalten des Gegenübers. Ein Teil unseres Gehirns schwingt sozusagen das Verhalten des Gegenübers. Deshalb nennen wir sie Spiegelneurone.

Fußballfans springen auf, wenn Gleichgesinnte im Stadium dasselbe tun sehen. Lachen und Gähnen stecken bekanntlich auch an.

Bildgebende Verfahren

Mittels bildgebender Verfahren wie der Kernspintomographie finden die Wissenschaftler heraus, dass nicht nur die Bewegungen anderer Personen unser Hirn in Resonanz versetzen, sondern auch deren Emotionen. Die Forscher zeigen den Testpersonen Videoaufnahmen von Menschen, die an einer stinkenden Substanz riechen. Obwohl die Testpersonen keinerlei Geruch ausgesetzt sind, aktivierte allein der Anblick des Films das Ekelzentrum im Gehirn – so als hätten sie die Situation persönlich erlebt. Bei Schmerz ist das nicht anders: In gewisser Weise empfinden Menschen also ungewollt den Schmerz anderer Menschen mit. Der Begriff „Mitleid“ wird durch die Hirnforschung im Wortsinn bestätigt.

Zugang zur Innenwelt

Der Mechanismus der Spiegelneurone bietet uns einen direkten Zugang in die Innenwelt der anderen. Autisten unterscheiden sich von anderen Menschen dadurch, dass sie sich nicht einfühlen können. Nur Autisten sind zu dem Umweg gezwungen, dass sie immer erst über den andern nachdenken müssen. Darum müssen sie stets überlegen, was in ihrem gegenüber vorgehen mag – das ist anstrengend und geht allzu oft schief. Bei Autisten ist der Spiegelmechanismus gestört.

Kein Geschöpf imitiert so viel und mühelos wie der Mensch. Entsprechend haben wir mehr Spiegelneurone als alle anderen Tiere. Ein Schimpanse muss fünf Jahre lang zusehen, bis er selbst eine Nuss aufbrechen kann, indem er einen Stein als Hammer und einen anderen als Amboss benutzt. Ein Kleinkind lernt das in ein paar Minuten.

Kann man Einfühlungsvermögen trainieren? Das ist in der Wissenschaft noch nicht eindeutig geklärt. Ein Schlüssel, so Gallese, „liegt wahrscheinlich im Verbessern des Körperempfindens."

Literatur


Spiegelneuronen
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