„Solange einer so handelt, alsob er Napoleon wäre, wird er als Napoleon anerkannt.“
(Ludwig Marcuse, Philosophie des Unglücks, 1981)
In Selbsterfahrungs- und Therapiegruppen sei die Kunst der positiven Selbstdarstellung verpönt, meint Schulz von Thun. Er muss es wissen. In diesen Gruppen gilt der Spruch: „In der Blöße liegt die Größe.“
Selbstdarsteller
„Selbstdarstellung“ ist hierzulande ein Wort mit einem schlechten Beigeschmack, nicht nur in der Psycho-Szene. Das könnte auf einem Missverständnis beruhen. Wenn von Selbstdarsteller die Rede ist, soll der Eindruck vermittelt werden, es handle sich um Menschen, die gerne hochstapeln, die vorgeben zu sein, was sie nicht sind. Selbstdarsteller gelten als Blender, Angeber, Bluffer, Aufschneider und Lügner. Dabei ist die Selbstdarstellung, die Selbstinszenierung, das Eindruckmachen auf andere etwas Selbstverständliches für jeden. Wir tun es jeden Tag. „Impression Management“ bezeichnen amerikanische Sozialpsychologen, wie z.B. Mark Snyder, die Strategie und Techniken, die wir benutzen, um unseren Eindruck auf andere zu steuern, um andere zu beeinflussen. Gute Selbstdarsteller sind äußerst geschickt darin, ihre Gefühle verbal und nonverbal auszudrücken und damit einen bestimmten, positiven Eindruck zu vermitteln. Sie finden blitzschnell heraus, welche Form der Selbstdarstellung welcher Situation angemessen ist. Sie beteiligen sich aktiv an der Kommunikation. Sie treten häufig als Wortführer auf und bevorzugen Freunde, so Mark Snyder, für die Selbstdarstellung keine besondere Bedeutung hat.
Selbstdarsteller achten darauf, wie sie sich in sozialen Situationen ausdrücken und darstellen: Auf Partys, bei Einstellungsgesprächen, bei Konferenzen, auf Workshops. Selbstdarsteller besitzen die Fähigkeit, ihr Verhalten zu kontrollieren und wenn notwendig zu korrigieren. Verkäufer, Fernsehmoderatoren, Strafverteidiger und Berufsschauspieler sind gute „Impression Manager“. Bei Bewerbern könnte man „Impression Management“ auch mit „Selbstpräsentation“ übersetzen.
Starke Selbstdarsteller beherrschen die Technik der Steuerung und Beeinflussung. Sie sind offen, zeigen Gefühle, schmeicheln, tun anderen einen Gefallen und haben ihre Angst unter Kontrolle. Sie sind flexibel und anpassungsfähig, erwecken den gewünschten Eindruck, verhalten sich der Situation angemessen, nämlich klug und pragmatisch.
Wer als Bewerber offen und ehrlich sagt, was er denkt und fühlt, kommt wohl nicht zum Ziel. Ein Bewerber muss sich schützen: Nicht alles sagen und nicht alles mit der gleichen Gewichtung.
"Ein Mensch besitzt viele verschiedene soziale Persönlichkeiten", schreibt der amerikanische Sozialpsychologe Goffman (Wir spielen alle Theater, 1997). Die Soziologen sprechen von "sozialen Rollen". Wir alle wissen aus unserer Lebenserfahrung, dass sich der Mensch in unterschiedlichen Rollen auch verschieden verhält. Ist er als Autofahrer aggressiv und fährt rücksichtslos auf der linken Spur, verhält er sich als Verkäufer höflich und freundlich. Als Liebhaber ist er zärtlich und als Vater fürsorglich. Man fragt sich: Wie passt das zusammen?
Die Selbstdarstellung, das Eindruckmachen auf andere, ist etwas Selbstverständliches. Es läuft ständig in unserem Verhalten ab. Natürlich tragen wir alle Masken. Sie gehören zum Wesen der Zivilisiertheit (Richard Sennet). Im allgemeinen wird man sich ein wenig besser darstellen, als man ist oder zu sein glaubt (Goffman).
Gute Selbstdarsteller wissen:
- Wer sich anderen gegenüber offen gibt und Gefühle zeigt, wirkt sympathischer und ist als Bewerber attraktiver. Seine Gesprächspartner werden sich im Gegenzug auch offener und zugänglicher zeigen. Die Chance, Einfluss zu nehmen, nimmt zu.
- Der Weg, anderen zu schmeicheln, sie zu loben, gleicher Meinung zu sein oder ihnen seine Gunst zu erweisen, steht einem Bewerber nur sehr begrenzt offen. Ein Bewerber kann dies nur indirekt tun, indem er sich zum Beispiel lobend über seinen Chef oder die Firma äußert. Die Beteuerung eines Bewerbers, dass man die Meinung des Interviewers teile oder mit Nachdruck unterstütze, kann peinlich sein.
Starke Selbstdarsteller haben ihre Angst im Griff; man merkt sie ihnen nicht an. Wer als Bewerber aufgeregt und deshalb am Anfang des Gesprächs unsicher ist und sich verhaspelt, kann seine Aufregung und Angst bekennen. Das hilft und löst Verständnis aus: "Ich bin etwas aufgeregt. Entschuldigen Sie bitte"!
Warum Selbstdarstellung noch immer einen schlechten Ruf hat
Wer in christlicher Demut erzogen worden ist und noch dazu nach preußischen Grundsätzen, bevorzugt das bescheidene , unauffällige Auftreten. Es geht um die Sache, sagen die Preußen, die Person hat in den Hintergrund zu treten. Auch schwäbische Pietisten treten unauffällig auf:
"Ein Spross des sozialen Pietismus ist auch Erhard Eppler, ein Muster an Redlichkeit, Schlichtheit, Pflichtgefühl, Klarheit und Bescheidenheit - aber auch an Unfähigkeit, sich wirkungsvoll darzustellen" (Thaddäus Troll: Deutschland deine Schwaben, 1982).
Der Kommunikationswissenschaftler Schulz von Thun schreibt, dass es in unserer Gesellschaft so eingerichtet sei, dass wichtige Lebensbereiche wie Schule und Beruf nach dem "Leistungs- und Rivalitätsprinzip" ausgerichtet sind. Daher rühre auch die "Selbstoffenbarungsangst" oder eine "Angst vor der Entlarvung als Versager. Das sei der Grund, warum der Mensch Imponier- und Fassadentechniken einsetzen müsse, um sich von der besten Seite zu zeigen, was Schulz von Thun verächtlich bezeichnet als:
- sich aufspielen- sich produzieren- angeben- selbstbeweihräuchern- Rad schlagen wie ein Pfau- Eindruck schinden.
Er denunziert dies als "Hoffnung-auf-Erfolg-Strategie". Von Thun verbreitet Klischees: Wettbewerb ist schlecht, wer versagt, muss auf den Aufstieg verzichten.
Echtsein, authentisch sein, offen und ehrlich miteinander umgehen, hat in der puritanischen Weltanschauung seine Wurzeln: I confess, ich habe nichts zu verbergen, ich bin ein guter Mensch! Das sind die Axiome der humanistischen Psychologie geworden.
Das Menschenbild der humanistischen Psychologie
ist idealistisch. Carl Rogers ist einer der eifrigsten Verfechter. Trotzdem sind seine Ideen bis ins Management vorgedrungen. Thomas Gordon, ein Schüler Rogers, hat eine Führungslehre konzipiert (Managerkonferenz, 1979), bei der die Rogersche Grundhaltung (Echtsein, Empathie, Wertschätzung) eine wichtige Rolle spielt. Ich habe Führungskräfte erlebt, die eine Schulung nach Gordon hinter sich hatten. Sie haben den offenen Umgang mit ihren Mitarbeitern ständig im Munde geführt. Sie wussten, was von ihnen erwartet wurde, nämlich authentisch zu sein. Sie spielten diese Rolle ausgezeichnet. Aber es war eben nur eine Rolle. "Echt" war das nicht, aber was spielte das schon für eine Rolle. Aufrichtig spielten sie den aufrichtigen Chef. Die Chefs waren "Echtheits-Champions" (Sartre).
Beispiel Bewerbung
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Bei einem Bewerber und seiner Selbstdarstellung geht es überhaupt nicht darum, sich anders darzustellen, als man wirklich ist. Der Bewerber soll keine falschen Tatsachen vorspiegeln, er soll nicht schauspielern. Es geht um eine wirksame Darstellung, Verstärkung und gelegentliche leichte Übertreibung seiner Eigenschaften, Fähigkeiten und Leistungen.
Literatur:
- Goffman, Eving: Wir alle spielen Theater, München 1997
- Goleman, Daniel: Emotionale Intelligenz, München 1996
- Gordon, Thomas: Managerkonferenz, Hamburg 1979
- Laux / Weber: Emotionsbewältigung und Selbstdarstellung, Stuttgart 1993
- List, Karl-Heinz: Praxisbuch Personalmanagement in der Pflege, Berlin 2010
- List, Karl-Heinz: Outplacement - Vom Trennungsgespräch zur Karriereberatung, Nürnberg 2003
- List, Karl-Heinz: Bewerbungskonzepte für Führungskräfte, Nürnberg 2003
- Loehr, James E.: Persönliche Bestform durch Mentaltraining, München 1988
- Mummendey, Hans Dieter: Psychologie der Selbstdarstellung, Göttingen 1990
- Marcuse, Ludwig: Psychologie des Unglücks, Zürich 1981
- Neuhaus, Dirk u. Karsta: Das Bewerbungshandbuch für die USA, Bochum 1998
- Neuberger, Oswald: Im Reden verzaubern wir uns selbst, Psychologie Heute 11/85
- Psychologie Heute (Hrg.): Wir Selbst-Darsteller - Thema Persönlichkeit, Weinheim 1988
- Rogers, Carl: Die Entwicklung der Persönlichkeit, Stuttgart 1985
- Rosenfeld/Giacalone/Riordan: Impression Management in Organizatons, Routledge New York, 1995
- Schaffer, Karin: The job of your life, Prentice Hall Canada, Scarborough, 1998
- Schürmann, Klaus / Mullins, Suzanne: Die perfekte Bewerbungsmappe auf Englisch, Frankfurt 2001
- Snyder, Mark: Selbstdarstellung: Die Masken, die wir tragen, in Psychologie Heute 7/80
- Stemme, Fritz: Die Entdeckung der emotionalen Intelligenz, München 1997
- Tausch, Annemarie u. Reinhard: Gesprächspsychotherapie, Göttingen 1981
- Thun, Schulz von: Miteinander Reden: Kommunikationspsychologie für Führungskräfe, Reinbek 2000
- Zuckerman, Irv: HIRE POWER, The Putnam Publishing Group, New York, 1993
