Positiv denken – hilft das wirklich?
Erfolgreiche Menschen denken positiv. Es wird schon gut gehen, heißt die Devise. Die Kölner sagen: Et is noch emmer joot jejange (Es ist noch immer gut gegangen). Man muss seine negativen Gedanken verscheuchen. Und immer lächeln, auch auf dem Klo, rät die Erfolgstrainerin Vera Birkenbiehl.
Der Amerikaner Dale Carnegie rät, einen Zettel an die Windschutzscheibe seines Autos zu heften, auf dem steht: Heute fängt ein neues Leben an!
Wir fangen jeden Tag neu an und geben das Rauchen auf. Bis morgen.
Gewinner machen ihre Arbeit mit Begeisterung. Egal, ob sie Toiletten sauber machen, Brot backen oder ein internationales Unternehmen leiten. Sieger beginnen jeden Tag positiv. Sie sagen jeden Morgen: Ein schöner Tag erwartet mich, auch wenn es regnet. Es sind die schlichten Botschaften eines Dale Carnegie, die auch hierzulande Begeisterungsstürme auslösen:
Don`t worry, be happy!
Emile Ratelband schlägt vor (“Feuerläufer”), das Wort “Misserfolg” ganz aus dem Wörterbuch zu streichen. Wer Erfolg hat, wird diesem revolutionärem Vorschlag sofort zustimmen, nur die Dudenredaktion nicht.
„Die Verhandlungen sind gescheitert“, sagt der Nachrichtensprecher im Fernsehen. Das klingt vielen zu negativ. Sollte er etwa sagen: Die Verhandlungen sind nicht gescheitert? Das entspräche zwar nicht ganz der Wahrheit, klingt aber auch nicht gerade positiv. Positiv formuliert hört sich das so an:
Die Verhandlungspartner waren nicht beweglich genug, um ihre Ziele zu erreichen.
„Mit Schwierigkeiten habe ich keine Probleme“, sagte der Versicherungsagent. „Wenn jetzt kein Vertrag zustande kommt, dann vielleicht später.“ Es ist eben nicht das halbleere Glas, von dem hier die Rede ist, sondern vom halbvollen. Warum die Dinge nicht optimistisch angehen?
Dale Carnegie
Der Amerikaner Dale Carnegie gilt wohl als der bekannteste „positive Denker“ hierzulande. Carnegie hat den amerikanischen Traum populär gemacht: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Alles ist möglich, man muss es nur wollen. Er erzählt in seinen Büchern von „erfolgreichen Tellerwäschern“. Dabei sind die Amerikaner nicht einmal die Erfinder des positiven Denkens. Die positive Programmierung des Selbst ist keine moderne Erfindung, sondern eine antike Technik, die aus der stoischen und epikureischen Philosophie kommt. Ob man die Dinge „positiv“ oder „“negativ“ bewertet, ist eine Frage der Vorstellung, die man sich von ihnen macht. Der Gebrauch der Vorstellungen, so Carnegie und die alten Griechen, steht in unserer Macht und erlaubt uns, auch missliche Dinge auch so zu interpretieren, dass sie in einem positiven Licht erscheinen. Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellung, die wir uns von ihnen machen. Doch die antiken griechischen Denker waren nicht so naiv, die Wirklichkeit auszublenden und das Negative beiseite zu schieben. Die alten Griechen waren immer auf das Schlimmste gefasst, was man von den modernen Verfechtern Carnegie, Murphy, Hill und Freytag nicht sagen kann. Sie glauben auch an die Kräfte, die angeblich aus dem Unterbewussten mobilisierbar sind.
Bleibt die alles entscheidende Frage: Sind Erfolgreichen deshalb so erfolgreich, weil sie eine positive und optimistische Einstellung zu den Dingen haben, oder sind es geborene Sieger, die trotz des positiven Denkens erfolgreich sind?
Gute Menschen
Nur so viel ist sicher: Wer positiv denkt, muss ein guter Mensch sein. Und darauf kommt es schließlich an, nicht wahr. Bevor sich die positiven Menschen auf den Weg machen, Gutes zu tun, haben sie ganz bestimmt ein gutes Buch gelesen – wie z.B. von Carnegie: „Sorge dich nicht – lebe!“ Wer gute Bücher liest, der macht auch lange Spaziergänge und denkt dabei über die Welt, über sich und seine guten Taten nach. Wenn die Sonne scheint, setzt er sich in den Garten eines Ausfluglokals und bestellt eine gute Tasse Kaffee. Es werden dann doch zwei Tassen, weil draußen nur Kännchen serviert werden. Auf dem Heinweg besorgt der gute Mensch noch einen Blumenstrauß, den er seiner Nachbarin zum Geburtstag überreicht. „Dass Sie daran gedacht haben, und dann auch noch so schöne Blumen. Das wäre doch nicht nötig gewesen.“
Abends, beim guten Buch, trinkt er noch ein gutes Glas Wein. Und wieder geht ein guter Tag zur Neige.
Die beste aller Welten
Voltaire macht sich in seinem Roman „Candide“ lustig über die These von Leibniz, wir lebten in der besten aller Welten. Dort heißt es:
„Was heißt Optimismus?“, fragt Cacambo. Und Candide antwortete: „Ach, das ist die Besessenheit zu behaupten, alles sei gut, wenn es einem schlecht geht.“
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