Muße

Das Wort "Muße" klingt fremd und altmodisch in einer Arbeits- und Konsumgesellschaft. Heute haben wir andere Begriffe: Hobby, Freizeit, Urlaub, Nichtstun. Doch eigentlich bedeutet >Muße< mehr als das.


Die alten Griechen

Bei den alten Griechen war die Muße und nicht die Arbeit das Ideal. Der Grieche hat die schwere körperliche Arbeit nie gemocht. Menschenwürdig war allein die freie Muße, in der man sich Zeit zu den Dingen lassen konnte, die nicht der bloßen Lebenserhaltung dienten.

 

Die Welt der Arbeit ist die Welt der Tätigen, des Aktivseins. Die Muße ist die Haltung der Nicht-Aktivität. Der vita activa steht die vita contemplativa gegenüber: Ruhe und Beschaulichkeit. Muße ist das Gegenteil von Mühe. "Das eigentliche Glück, der letzte Sinn des ganzen menschlichen Lebens liegt in der Kontemplation" (Joseph Pieper).

 

Schon Plato konnte sie nicht leiden, diese „Gesellschaft von Raffern.“ Voraussetzung für eine gut funktionierende Gesellschaft war nach Plato eine Klasse von Müßiggängern, die nicht völlig von dem Verlangen nach persönlichem Fortkommen beherrscht werden. Muße haben hieß für die Hellenen, Zeit zu haben, Herr über die Zeit zu sein.

 

Auch Aristoteles hat die Muße als Lebensform akzeptiert, als Bedingung für äußere und innere Unabhängigkeit. Der Staat, so Aristoteles, habe die Aufgabe, die sozialen Bedingungen für ein Leben in der Muße zu schaffen.

Erst der Sozialstaat hat es möglich gemacht, dass Menschen im Alter ein von Arbeit befreites Leben führen können und dabei ihr Auskommen haben.

 

Muße, das bedeutete schon für Goethe: ohne Eile und Hast, mit Zeit und Bequemlichkeit. Muße ist, was die alten Römer mit „otium“ bezeichneten, das Gegenteil von Arbeit, die Freiheit, keinen Geschäften nachgehen zu müssen.

 

Heute ist vielen Menschen die Muße suspekt. Sie haben Angst davor, nichts zu tun. Dazu fehlt ihnen die Kraft und die Gelassenheit. Muße macht ihnen ein schlechtes Gewissen. In der protestantischen Ethik, auf der unsere Arbeitsmoral beruht, gilt Muße als Zeitverschwendung. In der Tat: die Zeit der Muße ist verschwendete Zeit, in der Muße gibt es keine Zeit.

 

Der Philosoph Bertrand Russell plädiert für eine Erziehung zur Muße:

 

                Schon den Kindern sollte beigebracht werden,

                ein mehr oder weniger einförmiges Leben zu ertragen.

Literatur

Aristoteles: Nikomachische Ethik, in: Werke, Band 6, Berlin 1983

Asholt, Wolfgang, Fähnders, Walter (Hrg): Arbeit und Müßiggang 1789 – 1914, Frankfurt 1991

Hadot, Pierre: Philosophie als Lebensform, Berlin 1991

Hossenfelder, Malte: Epikur, München 1998

List, Karl-Heinz: Arbeit Ade! Es gibt ein Leben danach, Norderstedt 2009

Niehuis-Pröbsting, Heinrich: Die antike Philosophie – Schrift, Schule, Lebensform, Frankfurt 2004

Pieper, Josef: Muße und Kult, München 2007

Veblen, Thorsten: Theorie der feinen Leute, Frankfurt 2002

 



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