Klartext schreiben - Der Zeugniscode ist überholt

Bei den Arbeitszeugnissen sind wir noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Die Arbeitgeber schreiben Arbeitszeugnisse wie vor hundert Jahren. Im Museum der Arbeit in Hamburg sind Zeugnisse aus dem 19. Jahrhundert archiviert, die Formulierungen enthalten, die auch heute noch üblich sind: >Er hat zu unserer vollsten Zufriedenheit gearbeitet.< Da schlechte Noten in Arbeitszeugnissen äußerst selten sind und die Bewertungen in der Regel zwischen befriedigend und sehr gut schwanken, haben die Zeugnisse nur eine geringe Aussagekraft. Die Zeugnisse gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Schulnoten eignen sich nicht, Arbeitsleistung und Arbeitsverhalten differenziert und angemessen darzustellen. Die Zeugnisse sind für die Personalauswahl so gut wie nicht zu gebrauchen. Was tun? Zeugnisse im Klartext schreiben, die Beurteilung der Leistung sollte eine Antwort auf die Frage sein: Wie konnte der Mitarbeiter seine Stärken zum Nutzen des Unternhmens mit welchen positiven Arbeitsergebnissen einsetzen?

Beurteilung nach Schulnoten

Unternehmen schreiben heute immer noch Arbeitszeugnisse wie es schon die Zeugnisaussteller vor hundert Jahren getan haben. Sie beurteilen die Arbeitsleistung nach Schulnoten, aber nicht in einer offenen Sprache, sondern codiert: „Er hat stets zu unserer vollen Zufriedenheit gearbeitet“. Sie hätten auch die Möglichkeit (Formulierungsfreiheit), im Klartext die Leistung als „gut“ zu bezeichnen.

Inzwischen hat sich auch eingebürgert, nicht nur für die Arbeitsleistung, sondern auch für das Arbeitsverhalten (früher Sozialverhalten) Noten zu vergeben:

    Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen, Mitarbeitern und Kunden war stets vorbildlich.

„Vorbildlich“ bedeutet die Note 1, wobei niemand genau weiß, was es genau bedeutet, sich in einem Unternehmen vorbildlich zu verhalten. Kinder brauchen Vorbilder, aber mündige Mitarbeiter? Oder diese Formulierung:

    Seine Führung gab uns zu Beanstandungen keinen Anlass.

Welche Note versteckt sich hinter dieser holprigen Formulierung? Die Note 4. Hand aufs Herz: Hätte Sie das gewusst?

Das gesetzliche Klarheitsgebot


Seit 1. Januar 2003 regelt der neue § 109 der Gewerbeordnung den Zeugnisanspruch. Dort heißt es im Absatz 2:

    Das Zeugnis muss klar und verständlich formuliert
    sein. Es darf keine Merkmale enthalten, die den Zweck
    haben, andere als aus der äußeren Form oder aus dem
    Wortlaut ersichtliche Aussage über den Arbeitnehmer zu
    treffen.


Die Formulierungen des Zeugniscodes klingen positiver als sie gemeint sind und eben nicht klar und für jedermann verständlich: Er hat zu unserer vollen Zufriedenheit gearbeitet, klingt nun wirklich nicht wie „durchschnittliche Leistungen“, was aber so gemeint ist. Man darf gespannt sein, wann das Bundesarbeitsgericht seine bisherige Rechtsprechung aufgeben wird, dass die Zufriedenheitsfloskeln aus Gründen der Rechtssicherheit zulässig sind. Der Code widerspricht dem Klarheitsgebot.

Die Sprache in Arbeitszeugnissen


Haben Sie ein gutes Sprachgefühl? Test

Es geht nicht nur darum, Arbeitszeugnisse in korrektem Deutsch zu formulieren, sondern auch in einer verständlichen und präzisen Sprache. Entscheiden Sie sich bei den jeweils drei vorgegebenen Antworten für eine, die am ehesten dem entspricht. Vertrauen Sie Ihrem Sprachgefühl.

Frage 1:

a) Dieses Zwischenzeugnis wird aufgrund eines Vorgesetztenwechsel von Herrn Schulze ausgestellt.

b) Auf ausdrücklichen Wunsch durch Herrn Schulze wird dieses Zwischenzeugnis ausgestellt.

c) Wir stellen dieses Zwischenzeugnis auf Wunsch von Herrn Schulze wegen Wechsels der Vorgesetzten aus.

Frage 2:

a) Sie stellte kontinuierlich und in für uns beeindruckender Art und Weise ihre Fähigkeit unter Beweis, mit großem Verantwortungsbewusstsein selbständig zu arbeiten.

b) Sie erfüllte ihre Aufgaben mit großer Selbständigkeit und Verantwortungsbereitschaft.

c) Sie arbeitet selbständig und eigenverantwortlich.

Frage 3:

a) Zu ihren Obliegenheiten gehört der gesamte Schriftverkehr.

b) Zu ihren Aufgaben gehört der gesamte Schriftverkehr, auf Deutsch und Englisch.

c) Zu ihren Aufgabenfeldern gehört der gesamte Schriftverkehr, deutsch und englisch.

Frage 4:

a) Herr Feuerstein nahm erfolgreich an einer Fortbildung für Stützverbände teil.

b) Herr Feuerstein hat erfolgreich an einem Seminar zum Thema „Stützverbände“
teilgenommen.

c) Herr Feuerstein hat an einem Weiterbildungsseminar für Stützverbände erfolgreich teilgenommen.

Frage 5:

a) Herr Unger unterstützt seine Mitarbeiter dabei, den Umgang mit neuen Medien noch besser für sich nutzen zu können.

b) Herr Unger unterstützt seine Mitarbeiter dabei, den Umgang mit den neuen Medien noch besser zu nutzen.

c) Die Mitarbeiter erfahren Unterstützung durch Herrn Unger, um die neuen Medien noch besser für sich nutzen zu können.

Frage 6:

a) Herr Wolke ist Anfang diesen Jahres zum Abteilungsleiter befördert worden.

b) Herr Wolke ist Anfang dieses Jahres zum Abteilungsleiter befördert worden.

c) Anfang diesen Jahres wurde Herr Wolke zum Abteilungsleiter befördert.

Frage 7:

a) Das Arbeitspensum wird in angemessener Bearbeitungszeit termingerecht und rationell bearbeitet.

b) Die Erledigung seiner Aufgaben erfolgt rationell und termingerecht.

c) Er erledigt seine Aufgaben zügig und termingerecht.

Frage 8:

a) Herr Kunze arbeitet effizient und erzielt gute Ergebnisse.

b) Herr Kunze hat die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit erfüllt.

c) Herr Kunze hat seine Aufgaben immer zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt.

Frage 9:

a) Aufgrund seines hervorragend praktizierten Führungsstils wurden Probleme unter großer Beteiligung des gesamten Mitarbeiterteams schnell und effektiv gelöst.

b) Er löst die Probleme gemeinsam mit seinen Mitarbeitern schnell und effizient.

c) Mit seinem mitarbeiterorientierten Führungsstil löst er die Probleme schnell und effizient.

Frage 10:

a) Frau Liebelt beeindruckte durch ihr Engagement und ihre Entscheidungsfreude.

b) Engagement und Entscheidungsfreude gehören zu den Stärken von Frau Liebelt.

c). Frau Liebelt arbeitet engagiert und ist entscheidungsfreudig.

(Lösungen siehe unten)

Klar und präzise formulieren


Auch in den Arbeitszeugnissen galoppieren die weißen Schimmel und fliegen die schwarzen Raben:

- die ihm übertragenen Aufgaben
- die gezielten Maßnahmen
- die feste Überzeugung
- das notwendige Vertrauen

Charakteristisch in vielen Arbeitszeugnissen ist der ausladende Stil und die vielen Substantive. Deshalb gilt: Mehr Verben. Doch Vorsicht! Nicht alle Verben passen. Es gibt auch blasse und tote Verben. Hier ein paar Beispiele aus „echten“ Arbeitszeugnissen, wo diese Verben vorkommen: Zeigen, pflegen, prägen, verfügen, überzeugen, besitzen, schätzen, erlauben.

zeigen:

Der Meister zeigte dem Lehrling, wie er es richtig machen soll, und seine Schwester Helga zeigte dem Verehrer die kalte Schulter. Und was zeigen Herr Schmidt und Frau Kruse, wenn es denn stimmt, was in ihren Arbeitszeugnissen steht?

    - Herr Schmidt zeigte einen korrekten Arbeitsstil.

   - Frau Kruse zeigte bei der Aufgabenerledigung stets außergewöhnlichen Einsatz und hervorragende Leistungen in     quantitativer und qualitativer Hinsicht.

Leistung hat viel mit Menge und Güte zu tun, da muss man dem Schreiber dieser Zeilen zustimmen. Aber das hat es immer, nicht nur im Fall von Frau Kruse.

pflegen:

Herta Lause pflegt morgens recht früh aufzustehen, weil sie ihre alte Mutter pflegt, außerdem pflegt sie ihre Wohnung, ihren Garten, ihr Haar und den Umgang mit Freunden. Vor dem Einschlafen pflegt sie einen Kriminalroman zu lesen. Und was sie im Betrieb pflegt, steht in ihrem Arbeitszeugnis:

    In der innerbetrieblichen Kommunikation pflegte Frau Krause
    eine Atmosphäre der Kooperationsbereitschaft, der Integration
    und der Teamorientierung.


prägen:

Schiller und Goethe haben die Literatur der Klassik geprägt; Herkunft und Umwelt prägen den Menschen. Was bei der Arbeit prägend ist, steht im Arbeitszeugnis:

    - Seine Arbeitsweise ist geprägt von Pflichtbewusstsein
.
    - Dynamik, Tatkraft und konsequentes Handeln prägten seinen Arbeitsstil.



verfügen:

Schulzes Sohn Jens kann über sein Taschengeld frei verfügen, seine Frau über das Haushaltsgeld. Schulze selbst verfügt über gute Beziehungen zur Geschäftsleitung, über große Berufserfahrung und ein gutes Einkommen. Seiner Mitarbeiterin, Frau Hansen, hat er im Arbeitszeugnis bescheinigt, dass sie über ein großes Fachwissen, schnelle Auffassungsgabe und ein vorbildliches Pflichtbewusstsein verfüge.

überzeugen:

Er hatte gute Argumente: Was er sagte, überzeugte die Zuhörer. Man kann auch durch Leistung überzeugen. Im Arbeitszeugnis steht dann:

    - Herr Meister überzeugte als dynamische Führungskraft, die stets eine gute Einsatzbereitschaft zeigte.

    - Frau Krause überzeugte durch ihre hohe Zuverlässigkeit.


Solche Formulierungen dagegen überzeugen weniger.


besitzen:

„Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“, heißt es im Faust.
Auch in Arbeitszeugnissen ist häufig die Rede davon, was wir besitzen:

- Sie besitzt eine natürliche Autorität.

- Er besitzt Spezialkenntnisse (und verlangt deshalb eine Gehaltserhöhung).


schätzen:

In Unternehmen gibt es schon einiges, was man schätzen kann: Die Erfahrung der Sekretärin oder das Kantinenessen. Aber es gibt auch noch anderes zu schätzen, was sich zum Beispiel im Arbeitszeugnis niederschlägt:

Wir schätzten insbesondere seinen jederzeit flexiblen Einsatz gemäß der aktuellen Geschäftssituation.


erlauben:

Ihre hohe Auffassungsgabe sowie ihre zuverlässige Arbeitsweise erlauben ihr jederzeit, die notwenige Priorität zu setzen.

Was sich hier der Zeugnisschreiber erlaubt, überschreitet die Grenze des sprachlich Zulässigen: Was ist gemeint? Sie begreift schnell, arbeitet zuverlässig und macht das Wichtigste zuerst.

Antworten Test:
1c, 2c, 3b, 4b, 5b, 6b, 7c, 8a, 9b, 10c.


Literatur

List, Karl-Heinz: Das zeitgemäße Arbeitszeugnis, 4. Auflage, Nürnberg 2009

Link:

http://www.list-unternehmensberatung.de/Uebersicht.htm




 








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