Intuition

Der Glaube an die Macht der Vernunft bröckelt. Viele Führungskräfte wissen, dass auch auf den Verstand nicht immer Verlass ist und komplexe Situationen rational nicht vollständig zu erfassen sind. Fehleinschätzungen bei Personalentscheidungen sind teuer, schaffen Konflikte und können verheerende Folgen für das Arbeitsklima haben.


Von der Wissenschaft lernen 

Wenn von Intuition die Rede ist, denken viele an Esoterik, aber nicht an die Wissenschaft. Neurologen, Hirnforscher und Psychologen erforschen die neuronalen Vorgänge, die sich bei Entscheidungen vollziehen. Der amerikanische Neurologe Antonio Damasio ist davon überzeugt, dass jede Entscheidung einen „emotionalen Anstoß“ brauche, weil aus purem Verstand heraus ein Mensch nicht handeln könne. Er ersetzt den Satz des französischen Philosophen Decartes´ „Ich denke, also bin ich“ so: „Ich fühle, also bin ich.“

Doch im Management hat sich diese Sichtweise offenbar noch nicht überall durchgesetzt. Der Vorstandsvorsitzende eines großen Energieunternehmens diskutierte mit einer Bischöfin über die Frage, wie Entscheidungen fallen und sagte: „ Man analysiert die Faktenlage. Welches sind die Alternativen? Wo liegen die Chancen und Risiken? Welches sind die Vor- und Nachteile einer Entscheidung, und wie bewerte ich diese?“ Von Intuition ist bei dieser Antwort nicht die Rede.

Es wäre ein Fehler, bei Personalentscheidungen nicht auf den Bauch zu hören, wie zum Beispiel:

Wer wird eingestellt?
Wer leitet die Projektgruppe?
Wer wird gefördert?
Wer wird Führungskraft?
Wer befördert?
Wer bekommt eine Gehaltserhöhung oder eine Prämie?

Spiegelneuronen

Vittorio Gallese, der Neurophysiologe von der italienischen Universität Parma, hat den Mechanismus herausgefunden, wie man mit dem Gehirn die Gedanken und Gefühle anderer lesen kann. Er gilt zusammen mit Giacomo Rizzolatti als Entdecker der Spiegelneurone (das Neuron = Nervenzelle), eine neue Gruppe Nervenzellen:

 >Die Nervenzellen werden jedes Mal aktiviert, wenn wir ein anderes Individuum sehen, das eine Handlung ausführt, deren Vollzug sie selbst kontrollieren. Damit gestatten sie uns, aus eigenem Erfahrungsrepertoire gewissermaßen von innen heraus die Handlungen der anderen zu verstehen.<

 Ein Teil unseres Gehirns schwingt sozusagen das Verhalten des Gegenübers. Deshalb nennen wir sie Spiegelneurone.

 Fußballfans springen auf, wenn Gleichgesinnte im Stadium dasselbe tun. Wenn ein Interviewer bei der Begrüßung eines Bewerbers lächelt oder im Laufe des Gesprächs seine Beine übereinander schlägt, wird der Bewerber dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auch tun.

 Mit welchen Methoden arbeitet die Hirnforschung, um zu solchen Ergebnissen zu kommen? Mittels bildgebender Verfahren wie der funktionalen Magnetresonanztomographie (fMRT) finden die Wissenschaftler heraus, dass nicht nur die Bewegungen anderer Personen unser Hirn in Resonanz versetzen, sondern auch deren Emotionen. Die Forscher zeigen den Testpersonen Videoaufnahmen von Menschen, die an einer stinkenden Substanz riechen. Obwohl die Testpersonen keinerlei Geruch ausgesetzt sind, aktivierte allein der Anblick des Films das Ekelzentrum im Gehirn – so als hätten sie die Situation persönlich erlebt. Bei Schmerz ist das nicht anders: In gewisser Weise empfinden Menschen also ungewollt den Schmerz anderer Menschen mit. Der Begriff „Mitleid“ wird durch die Hirnforschung im Wortsinn bestätigt.

Spiegelneurone ermöglichen es Menschen, sich in andere hineinzuversetzen (Einfühlung). Sie überwinden die Barriere zwischen uns und unserem Gegenüber. Erst dadurch, dass wir die Gefühle anderer, wie Ekel, Schmerz, Freude, miterleben, können wir sie unmittelbar verstehen. Danach ist Empathie kein abstraktes kognitives Konstrukt, sondern fest in unserem Gehirn verankert.

Ratio oder Intuition?

Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth wurde in einem Interview (Gehirn&Geist 11/2007) nach dem intuitiven Wissen gefragt:

Ein hilfreicher Ansatz, das wurde auch empirisch nachgewiesen, besagt: Wäge zunächst ausgiebig rational ab und lass die Sache dann einige Zeit ruhen. Fühlt sich die gewählte Option immer noch gut an, tu es! Die Wahl, die wir am Ende treffen, ist immer emotional – es gibt ja eigentlich gar keine rationale Entscheidungen, nur rationale Erwägungen.

Gerd Gigerenzer hat am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung viele Jahre über Intuition geforscht und seine Ergebnisse in dem Buch „Bauchentscheidungen“ in einer verständlichen Sprache veröffentlicht. Er schreibt, dass ein Großteil unseres geistigen Lebens sich unbewusst vollziehe und auf Prozessen beruhe, die nichts mit Logik zu tun haben. Er spricht von Bauchgefühlen, Intuitionen und der „Intelligenz des Unbewussten: Ohne zu denken wissen wir, welche Regel in welcher Situation vermutlich funktioniert.“

Intelligenz kann man sich als eine bewusste Tätigkeit vorstellen, die von den Gesetzen der Logik bestimmt wird. Benjamin Franklin soll seinem Neffen, der sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden konnte, die Pro-und-Kontra- Methode empfohlen haben, bei der das Für und Wider abzuwägen und zu gewichten ist. Ausgerechnet bei einer Entscheidung, bei der es nur auf Intuition ankommt. Die Franklin-Methode, bei der das Ziel ist, den höchsten Wert und den größten Nutzen zu ermitteln, sei nicht immer der beste Weg, meint Gigerenzer.

Wir wissen mehr als wir zu sagen wissen. Beispiel Sprachgefühl: Muttersprachler sind in der Lage spontan zu sagen, ob ein Satz grammatisch korrekt und idiomatisch richtig ist, aber nur wenige können erklären, warum das so ist.

Intuition beruht auf Erfahrungswissen

Entscheidungen müssen rational sein. Davon sind auch heute viele Kinder der Aufklärung überzeugt, allen voran Wissenschaftler. Sie glauben an die mathematische Logik. Gerd Gigerenzer in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (25.8.07) meint dazu: „Man weiß, was zu tun ist, ohne die Gründe dafür zu kennen. Ihnen liegen aber nicht nur Erfahrung, sondern auch einfache Faustregeln zugrunde, etwa Wähle, was du kennst, imitiere den Erfolgreichen, vertraue einem einzigen Grund und ignoriere alle anderen“.

Dass Logik ein nützliches Werkzeug ist, bestreitet Gigerenzer nicht. Aber es sei eben nur eines unter vielen nützlichen Werkzeugen. Einen Gegensatz zwischen Vernunft und Bauchentscheidung gebe es nicht, „Logik und Intuition sind zwei Werkzeuge aus der gleichen Kiste.“ Und wenn es um Liebe gehe, handeln alle Menschen intuitiv.

Kommen wir mit unseren Bauchgefühle zu besseren Entscheidungen? Das erscheint und auf den ersten Blick naiv. Die Wirtschaftswissenschaften haben den homo ökonomicus erfunden und die Unternehmen arbeiten nach dem ökonomischen Prinzip, mit geringstem Aufwand den größtmöglichen Nutzen erzielen.

Wie andere Ansätze der Sozialwissenschaften versucht die Wissenschaft von der Intuition menschliches Verhalten zu erklären und vorherzusagen. Gigerenzer räumt ein, dass seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Intuition in der Welt der Wissenschaft umstritten sind. Was er in seinem Buch „Bauchentscheidungen“ vorlegt, bezeichnet er als „Werkzeugkasten mit Werkzeugen für ein ganzes Spektrum von menschlichen Problemen.“
Für ein Unternehmen, wo Führungskräfte Personalentscheidungen zu treffen haben, ist das Modell des Psychologen Gerd Gigerenzer nach vollziehbar und kann nach meiner Einschätzung auch angewendet werden.

Literatur

Bauer, Joachim: Warum ich fühle, was du fühlst – Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone, Hamburg 2006

Damasio, Antonio: Der Spinoza-Effekt, Berlin 2007

Damasio, Antonio: Decartes Irrtum – Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, München 1998

Ekman, Paul: Gefühle lesen, München 2007

Gigerenzer, Gerd: Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition, München 2007

Kast, Bas: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft, Frankfurt 2007

Klein, Gary: Natürliche Entscheidungsprozesse, Paderborn 2003

List, Karl-Heinz: Praxisbuch Personalmanagement, Berlin 2010, ISBN 9783941468214

List, Karl-Heinz: Personalentscheidungen – Warum das Bauchgefühl ein guter Ratgeber sein kann, München 2008

Pöppel, Ernst: Zum Entscheiden geboren, München 2008

Roth, Gerhard: Führen, Denken, Handeln - Wie unser Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt 2008

Spitzer, Manfred / Bertram,Wulf (Hrg): Hirnforschung für Neu(ro)gierige, Stuttgart 2009

Traufetter, Gerald: Intuition – Die Weisheit der Gefühle, Reinbek 2007


Intuition
HRM.de - Das Netzwerk für Personalwesen. HR-Pedia - Der Wissenspool für das Human Resource Management. HR-Jobbörse