Der französische Philosoph Rene´ Decartes hat bei Entscheidungen der Vernunft den Vorzug gegeben („Ich denke, also bin ich“), Alexander durchschlägt den Gordischen Knoten mit seinem Schwert, Julius Caesar trifft die unwiderrufliche Entscheidung, den Rubikon zu überschreiten, Kolumbus fand eine verblüffend einfache Lösung für ein unlösbar scheinendes Problem, ein Ei zum Stehen zu bringen und Sigmund Freud war der Auffassung, dass Handlungen und Entscheidungen durch das Unterbewusstsein beeinflusst würden.
Rational oder emotional entscheiden?
Der amerikanische Neurologe Antonio Damasio ist davon überzeugt, dass jede Entscheidung einen „emotionalen Anstoß“ brauche, weil aus purem Verstand heraus ein Mensch nicht handeln könne. Er ersetzt den Satz des französischen Philosophen Decartes´ „Ich denke, also bin ich“ so: „Ich fühle, also bin ich.“
Im Management hat sich diese Sichtweise noch nicht überall durchgesetzt. Der Vorstandsvorsitzende eines großen Energieunternehmens diskutierte mit einer Bischöfin über die Frage, wie Entscheidungen fallen und meinte:
Man analysiert die Faktenlage. Welches sind die Alternativen? Wo liegen die Chancen und Risiken? Welches sind die Vor- und Nachteile einer Entscheidung, und wie bewerte ich diese?
Von Intuition ist keine Rede. Doch der Glaube an die Macht der Vernunft bröckelt. Viele Führungskräfte wissen, dass auch auf den Verstand nicht immer Verlass ist und komplexe Situationen rational nicht vollständig zu erfassen sind.
Wie kommen Entscheidungen zustande? Sollen wir dabei unseren der Ratio folgen oder auch auf unseren Bauch hören? Experimente belegen einen paradoxen Effekt: Je komplizierter eine Entscheidung, desto weniger nutzt langes Nachdenken. Unbewusst verarbeiten wir viel mehr Informationen, als wenn wir unsere grauen Zellen aktiv einsetzten.
Gefühle nicht ausblenden
Wenn es darum geht, Probleme zu lösen oder Entscheidungen zu treffen, halten manche Gefühle für hinderlich und irrational. Wissenschaftler und Manager setzen mehr auf die Ratio, den Verstand und die Vernunft. Der Management-Professor Fredmund Malik konstruiert für Entscheidungen die Alternative Kopf oder Bauch (DIE WELT 11.1.2003) und polemisiert gegen die „Emotionsgurus“, die nach seiner Einschätzung für die Überlegenheit des Bauches einträten, ausschließlich von positiven Gefühlen sprechen und die destruktiven Gefühle unterschlagen würden. Hier irrt Malik. Der amerikanische Psychologe Daniel Goleman rechnet die Bewältigung von Niederlagen und Frust und den Umgang mit negativen Gefühlen ausdrücklich zur „emotionalen Intelligenz“. Sein Kollege Seymour Epstein, der schon viele Jahre vor ihm diese Gedanken formuliert hat, spricht von „konstruktivem Denken“, postuliert das Hin- und Herschalten zwischen Erfahrung und Intellekt und zählt befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen dazu.
Das Führen von Mitarbeitern hat viel mit Kommunikation zu tun. Wer kommuniziert, macht das bekanntlich auf zwei Ebenen: Der Sach- und Beziehungsebene. Wer als Führungskraft das Vertrauen seiner Mitarbeiter gewinnen will, muss einen guten Draht zu seinen Leuten haben. Wer seine Mitarbeiter begeistern will, muss ihre Gefühle ansprechen. Wer Widerstand gegen Veränderungen überwinden will, muss Angst abbauen. Das geht nur auf der Gefühlsebene. Wer Mitarbeiter einstellt, muss eine Entscheidung treffen, die auf Glauben und Hoffnung beruht. Ob der künftige Mitarbeiter erfolgreich arbeiten wird, weiß bei der Einstellung niemand. Bei einem Kündigungsgespräch muss der Vorgesetzte mit Gefühlsäußerungen rechnen und einen Weg finden, damit umzugehen. Außerdem muss er mit seiner eigenen Angst zurechtkommen.
Der Hirnforscher Gerhard Roth plädiert für einen Dreischritt: Zunächst die Sachlage rational überdenken, den Entschluss dann aber aufschieben und am Ende dem Gefühl folgen. Da auch unsere Alltagslogik fehleranfällig ist, sollten wir Vorwissen sowie vermeintlich sichere Urteile kritisch prüfen. Wir laufen sonst Gefahr, auf Grundlage von unbewussten Denkfehlern zu entscheiden.
Literatur
* Damasio, Antonio: Decartes Irrtum – Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, München 1998
* Epstein, Seymour: Sie sind viel klüger als Sie denken – Was man mit Intuition und Verstand erreichen kann, München 1994
* Gigerenzer, Gerd: Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition, München 2007
* Goleman, Daniel: Emotionale Intelligenz, München 1997
* List, Karl-Heinz: Praxisbuch Personalmanagement in der Pflege, Berlin 2010, ISBN 9783941468214