Empathie

„Empathie“ (= Einfühlungsvermögen) ist ein Begriff, den viele Mitarbeiter und Führungskräfte von ihren Seminaren über Kommunikation und Führung kennen. Das Wissen über Empathie hat für Personalfachleute eine ganz praktische Seite. Wer Personal auswählt, sollte diese Eigenschaft unbedingt besitzen. Hier wird dieser Begriff aus der Sicht der Therapie (Rogers), der Kommunikationswissenschaft (Schulz von Thun) und der Hirnforschung abgehandelt.


Empathie als Grundhaltung

Für Carl Rogers, dem Begründer der Gesprächstherapie, gehört Empathie zur Grundhaltung des Therapeuten. Er versteht darunter die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, sich emotional auf andere einzustellen. Grundlage ist die Selbstwahrnehmung. Je offener wir für unsere eigenen Gefühle sind, desto besser können wir die Gefühle der anderen wahrnehmen und deuten.

Er muss seinem Klienten gegenüber echt und ohne Fassade sein, ihn achten und wertschätzen und ihm mit Empathie begegnen, ihm einfühlend zuhören, um seine innere Welt zu verstehen.

Carl Rogers ist im Laufe seiner Arbeit als Therapeut darauf gekommen, dass diese Grundhaltung nicht nur für die therapeutische Arbeit von großem Nutzen ist, sondern jeder menschlichen Kommunikation förderlich ist und die zwischenmenschlichen Beziehungen positiv beeinflusst. Was bedeutet bei Carl Rogers Empathie oder "einfühlendes Verstehen" wie er es nennt?

Ich bemühe mich, die innere Welt des anderen zu verstehen. Ich bin ihm nahe bei dem, was er denkt, ohne seine Sichtweise zu meiner eigenen zu machen, ohne mich mit ihm zu identifizieren. Ich teile meinem Gesprächspartner mit, was ich von seiner inneren Welt verstanden habe (Verbalisierung von Gefühlen). Dabei kommt es nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern auch auf die Signale des Körpers, auf Mimik und Gestik. Ich leihe dem anderen mein Ohr und höre ihm aufmerksam zu.

Dieses Konzept haben die Anhänger der Humanistische Psychologie übernommen und in ihr Konzept über zwischenmenschliche Kommunikation übernommen wie etwa Schulz von Thun oder Ruth Cohn bei ihrem Konzept für die Arbeit in Gruppen (TZI = Themenzentrierte Interaktion).

Hirnforschung

Mittels bild gebender Verfahren wie der Kernspintomographie finden die Wissenschaftler heraus, dass nicht nur die Bewegungen anderer Personen unser Hirn in Resonanz versetzen, sondern auch deren Emotionen. Die Forscher zeigen den Testpersonen Videoaufnahmen von Menschen, die an einer stinkenden Substanz riechen. Obwohl die Testpersonen keinerlei Geruch ausgesetzt sind, aktivierte allein der Anblick des Films das Ekelzentrum im Gehirn – so als hätten sie die Situation persönlich erlebt. Bei Schmerz ist das nicht anders: In gewisser Weise empfinden Menschen also ungewollt den Schmerz anderer Menschen mit. Der Begriff „Mitleid“ wird durch die Hirnforschung im Wortsinn bestätigt.

Spiegelneuronen ermöglichen es Menschen, sich in andere hineinzuversetzen (Einfühlung). Sie überwinden die Barriere zwischen uns und unserem Gegenüber. Erst dadurch, dass wir die Gefühle anderer, wie Ekel, Schmerz, Freude, miterleben, können wir sie unmittelbar verstehen. Danach ist Empathie kein abstraktes kognitives Konstrukt, sondern fest in unserem Gehirn verankert.

Der Mechanismus der Spiegelneurone bietet uns einen direkten Zugang in die Innenwelt der anderen. Nur Autisten sind zu dem Umweg gezwungen, dass sie immer erst über den andern nachdenken müssen. Autisten unterscheiden sich von anderen Menschen dadurch, dass sie sich nicht einfühlen können. Darum müssen sie stets überlegen, was in ihrem gegenüber vorgehen mag – das ist anstrengend und geht allzu oft schief. Bei Autisten ist der Spiegelmechanismus gestört.

Der Neurochirurg William Hutchison von der Universität Toronto machte einen neurochirurgischen Eingriff bei einer Frau mit schweren Depressionen. Als er ihr in die Finger gestochen hatte, konnte er mit Hilfe des bild gebenden Verfahrens der Hirnspintomographie sehen, dass die Neuronen in jenem Bereich feuerten, der für die Schmerzwahrnehmung zuständig ist. Anschließend stach Hutchison sich selbst in den Finger. Die Frau sah das und wieder feuerten dieselben Neuronen wie vorher, als er der Patientin in den Finger gestochen hatte. Damit scheint die neuronale Entsprechung der Empathie erbracht zu sein.

Empathie als Führungseigenschaft

Der amerikanische Psychologe Daniel Goleman hält „Empathie“ für eine Führungseigenschaft: Der Vorgesetzte hat die Gefühle der Mitarbeiter zu respektieren und sie in den Prozess intelligenter Entscheidungsfindung einzubauen. Teams gleichen oft einem Hexenkessel, so Goleman, voller versteckter Emotionen. Wer ein Team führen will, muss dafür sorgen, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen, was bei zwei Menschen schon schwierig sein kann.

Literatur

Goleman, Daniel: Emotionale Intelligenz, München 1996

List, Karl-Heinz: Praxisbuch Personalmanagement in der Pflege, Berlin 2010,

Leseprobe:www.list-unternehmensberatung.de/Personalmanagement%20in%20der%20Pflege.pdf

Rizzolatti, Giacomo / Sinigaglia, Corrado: Empathie und Spiegelneurone: Die biologische Basis des Mitgefühls, Frankfurt 2009

Rogers, Carl: Entwicklung der Persönlichkeit, Stuttgart 1985

Roth, Gerhard: Führen, Denken, Handeln - Wie unser Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt 2008

 



Empathie
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