Authentisch kommunizieren

In der Fachliteratur ist viel die Rede von "authentischer Kommunikation". In Seminaren lernen Fach- und Führungskräfte etwas über die Kommunikation in Projektgruppen, Qualitätszirkeln und Mitarbeitergesprächen (Einstellungs-, Beurteilungs- und Kündigungsgespräche). Was genau heißt das: "authentisch kommunizieren"?
 

Echtsein

Bei Reinhard Tausch und Carl Rogers, dem Begründer der Gesprächstherapie, gehört "Echtsein" neben dem "einfühlenden Verstehen" und der „Wertschätzung“ zur Grundhaltung, die jeder Kommunikation förderlich sei und zwischenmenschliche Beziehungen positiv beeinflusse.
Carl Rogers spricht von "Kongruenz" und meint damit die Übereinstimmung zwischen drei Bereichen der Persönlichkeit: Was ich fühle (Erleben), was ich davon bewusst mitbekomme (Bewusstheit), und was ich davon mitteile (Kommunikation).

Das klingt faszinierend: Jeder sagt die Wahrheit, jeder ist durchschaubar und einschätzbar. Der Mensch als offenes Buch. Biblische Verhältnisse, paradiesische Zustände brechen aus. Die Menschen sind gut und ehrlich bis auf die Knochen. Der gläserne Mensch. Auch die Bösen sagen dann endlich die Wahrheit, denn sie fühlen sich dann besser. Sie fühlen sich erleichtert, wenn sie offen sagen, dass sie schlechte Gedanken haben oder böse Taten planen. Da sie es offen und ehrlich sagen, können die Guten sich darauf einstellen. Sie verhindern dann, dass Atombomben gebaut, Menschen vertrieben und Kriege geführt werden.

Die Offenheit, wie sie auch Rogers propagierte, ist ganz tief in der puritanischen Tradition verwurzelt. Die Dialektik des Lebens hat mit dem Idealismus des guten Menschen Rogers nichts zu tun. Die Menschen sind nun einmal nicht so, wie Carl Rogers sie gerne hätte. Und Kongruenz steht ihm Widerspruch zur Realität: Die Menschen müssen mit ihren Spannungen und Widersprüchen leben, auch wenn sie sich manchmal nach mehr Kongruenz sehnen. Das erst macht ein Leben farbig und spannend.

Wer kommuniziert, will andere beeinflussen, für sich gewinnen, sie überzeugen. Das wird ihm nicht immer gelingen, auch dann nicht, wenn er im Sinne von Carl Rogers „echt“ ist.

Authentisch sein

Ruth Cohn, die Begründerin der „Themenzentrierten Interaktion“, ist etwas vorsichtiger als Rogers und Tausch. Sie spricht von „selektiver Authentizität“. „Nicht alles, was echt ist, will ich sagen, doch was ich sage, soll echt sein.“

Der Kommunikationswissenschaftler Schulz von Thun weiß offenbar, woran es liegt, warum ein authentischer Umgang im Betrieb schwierig ist:

„..... ist der Karrierewettbewerb in der Arbeitswelt wenig geeignet, einen authentischen, fassadenfreien Umgangsstil zu fördern (...). Wem es gelingt, sich selbst herauszustellen und womöglich den anderen schlecht aussehen zu lassen, erhöht seine Chance auf eine Karriereprämie“ (Miteinander reden, 1991)

Rücksichtsloses Konkurrenzverhalten im Betrieb ist sehr viel weniger verbreitet, als viele vermuten. Das Bild, jeder sei des anderen Wolf (homo homini lupus), wie Thomas Hobbes es formulierte, hat noch nie gestimmt. Die Regeln für den Umgang und den Aufstieg im Unternehmen werden von den meisten Mitarbeitern akzeptiert. Im übrigen verhalten sich die Menschen im Betrieb wie anderswo auch: Sie mögen sich, unterstützen sich, verabscheuen sich, spinnen Intrigen, denken sich Gemeinheiten aus (Mobbing), gehen aber auch rücksichtsvoll und manchmal auch sehr lieb miteinander um.

Die Sehnsucht nach dem Echten

Die Sehnsucht bleibt. Die Sehnsucht nach dem Echten, dem Unverfälschten. Das hat nicht nur im Land der Puritaner Hochkonjunktur, sondern auch bei uns. Also spielen wir die Rolle des Ehrlichen, des Aufrichtigen, des Authentischen. Wer offen seine Meinung sagt, schadet sich selbst. („Der Ehrliche ist der Dumme“.) Solange es ein Oben und Unten , Chefs und Untergebe gibt, solange wird es Heuchelei, Schmeichelei, Lug und Trug geben.

Der amerikanische Drehbuchautor Robert Mc Kee sagt in einem Interview (Harvard Business Manager 10/2003):

Was das Leben so lebenswert macht, kommt nicht
von der Sonnenseite...Das Leben zieht seine Energie
aus allem, was uns leiden lässt. Indem wir gegen
diese negativen Kräfte kämpfen, sind wir gezwungen,
intensiver zu leben.


„Würde man das Böse im Menschen beseitigen“, schreibt Montaigne in seinen Essais, zerstörte man die Grundbedingung des Lebens.“

Das Glück des Menschen liegt in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Diesem Satz könnte man noch zustimmen. Aber es sind ganz besondere Beziehungen: Sie müssen echt und authentisch sein. Das ist das Credo der humanistischen Psychologie. Carl Rogers, ein Apologet dieser Bewegung, ist davon überzeugt, dass der innerste Kern der menschlichen Persönlichkeit von Natur aus positiv, von Grund auf sozial, vorwärts gerichtet, rational und realistisch ist.

Die Humanistische Psychologie definiert den Menschen als gut und einzigartig. Dahinter steckt - wie bei Hobbes und Machiavelli - ein Bild vom Menschen, aber eben ein anderes. Der Anteil der guten Menschen am Zustand dieser Welt ist mindestens so groß wie der von bösen Menschen, behaupten die Bösen.

Carl Rogers hat das christliche Weltbild in seine Therapie übernommen. Die Nächstenliebe ist bei Rogers die Wertschätzung, die Offenheit geht auf die puritanische Tradition zurück, dass man nichts zu verbergen hätte, auch nicht im privaten Bereich.

Die Offenheit, wie sie auch Rogers propagierte, ist ganz tief in der puritanischen Tradition verwurzelt. Der amerikanische Schriftsteller Saul Bellow schreibt in seinem Roman „Humboldts Vermächtnis“:

Als ich mir mein Geld damit verdiente, die persönlichen
Erinnerungen von fremden Leuten zu schreiben, habe ich
entdeckt, dass kein Amerikaner je einen richtigen Fehler
begangen, niemand gesündigt oder nur eine einzige Sache
zu verbergen hatte; Lügner gab es nicht. Die angewandte
Methode ist Vertuschung durch Offenheit, um Doppelzüngigkeit
in Ehren zu garantieren.“

Gute Menschen gehen anders miteinander um als böse. Sie begegnen sich nach Rogers mit Wohlwollen und Wertschätzung, verstehen die Sichtweise des anderen, seine Gefühle, seine Werte. Und sie hören sich gegenseitig zu. Nicht passiv, sondern aktiv: Sie schauen dem Gesprächspartner in die Augen und signalisieren, ob sie seine Gefühle und Gedanken aufgenommen und seine Botschaft verstanden haben. Dieses Einssein mit sich selber, die Kongruenz, von der Rogers schwärmt, bedeutet: Was ich sage, ist wahr und stimmt mit dem überein, was ich fühle und denke. Das Widersprüchliche in uns will Rogers aufheben. Geht das überhaupt? Eher nicht.

Wie ist vom Ehrlichkeitsdogma zu halten? Heucheln wir nicht alle ein wenig? Sagen wir manchmal nicht die ganze Wahrheit? Machen wir anderen nicht doch etwas vor? Sind wir nicht doch gelegentlich Opportunisten? Interessant ist, was der Grieche Aristoteles vor zweitausend Jahren gesagt hat. Ehrlich, echt, authentisch sein heißt bei Aristoteles „Aufrichtigkeit“. Nach dem Prinzip des rechten Maßes, der Mitte, liegt die Aufrichtigkeit zwischen den Extremen Aufschneiderei und Selbstverkleinerung. Aufrichtig ist in diesem Sinne nicht die Darstellung seiner inneren Befindlichkeit. Aufrichtig ist der, der weiß, in welcher Position und Situation er ist und das auch offen sagt.

Einfühlsam kommunizieren

Wenn wir die Welt ändern wollen, müssen wir einfühlsam und gewaltfrei kommunizieren, sagt der amerikanische Wissenchaftler Marshall Rosenberg (Nonviolent Communication – A Language of Compassion“.

Moralische Urteile sind für Rosenberg „ein Muster lebensentfremdender Kommunikation“. Unsere Wünsche in Form von Forderungen zu vermitteln sei ein weiteres Merkmal einer Sprache, die Einfühlsamkeit blockiert. Man müsse Beobachtung und Bewertung auseinander halten. Nicht: Er ist ein Schwätzer, sondern: Er redet ohne Punkt und Komma.

Rosenberg plädiert für eine Erweiterung unseres Gefühlwortschatzes. Wie fühle ich mich , wenn ich eine Handlung beobachte: Verletzt, erschrocken, froh oder wie?

Beispiel

Unter der Überschrift „Bitten bewusst formulieren“ erzählt Rosenberg in seinem Buch „Gewaltfreie Kommunikation“ von einer Unterhaltung zwischen einem Ehepaar in der Bahn, die Fluggäste zum Terminal bringt:

Ehemann: Noch nie in meinem Leben bin ich mit so einem langsamen Zug gefahren. (Ehefrau schweigt).

Der Mann wiederholt seinen Satz: „Noch nie bin ich ........“

Jetzt reagiert seine Frau: „Das Tempo wird elektronisch gesteuert.“

Ihr Mann zum dritten Mal: „Ich bin noch nie in meinem Leben mit so einem langsamen Zug gefahren.“

Darauf die Ehefrau (wütend): „Ja, was soll ich denn tun? Aussteigen und schieben?

Rosenbergs Kommentar zu diesem Dialog: Und schon hatten wir zwei leidende Menschen. Welche Reaktion, fragt Rosenberg, hätte der Mann gewollt? "Ich meine, dass er Verständnis für sein Leid haben wollte. Hätte seine Frau das gewusst, dann hätte sie zum Beispiel antworten können:
 „Das klingt so, als machst du dir Sorgen, dass wir vielleicht unser Flugzeug nicht mehr erwischen, und empört bist, weil du gerne schnellere Züge zwischen diesen Terminals hättest“.

Rosenberg meint, dass die Frau die Frustration des Mannes zwar wahrgenommen, aber sie keine Ahnung hatte, was er von ihr wollte.

Mein Kommentar: Wenn ich das zu meiner Frau gesagt hätte, dass ich noch nie mit einem so langsamen Zug gefahren sei, hätte sie wahrscheinlich schon beim ersten Mal lächelnd gesagt: Hoffen wir, dass das Flugzeug schneller ist.

Humor ist offenbar keine notwendige Bedingung bei Rosenberg für gelingende Kommunikation.

Literatur

- Cohn, Ruth: Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion, Stuttgart 1983

- List, Karl-Heinz: Praxisbuch Personalmanagement in der Pflege, Berlin 2010

- Rogers, Carl: Entwicklung der Persönlichkeit, Stuttgart 1985

- Rosenberg, Marshall: Gewaltfreie Kommunikation, Paderborn 2004.

- Schulz v. Thun / Ruppel / Stratmann: Miteinander reden: Kommunikation für Führungskräfte, Reinbek 2002

- Stone, Douglas / Patton, Bruce / Heen: Offen gesagt – Erfolgreich schwierige Gespräche meistern, München 2000.



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